23. Mai 2022

    Wider die Sachzwänge

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    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Kultur aus der Tiefe: Tanztheater und Clubkultur zwischen Möglichkeiten und Prekaritäten. Im Zuge der, durch die Covid-19 Pandemie herbeigeführten Kontaktbeschränkungen und Veranstaltungsverbote wurden große Teile des Kultursektors vor existentielle Herausforderungen gestellt. Der Autor der Studie, Nico Berthold, setzt sich exemplarisch anhand des »objekt klein a« (OKA), einem Dresdner Club im alternativen Milieu, und im Austausch mit Wiete Sommer, mit diesen Herausforderungen und möglichen Bewältigungsstrategien auseinander. Ursprünglich ist diese Studie gemeinsam mit fünf weiteren »Geschichten des Gelingens« in einem Sammelband bei Metropolis erschienen. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sieben Artikel unterteilt. Bei diesem Artikel handelt es sich um den siebten von sieben Teilen. Unterhalb des Artikels wird auf die weiteren Teile verwiesen. 

    Reflexive Momente und Positionierungen 

    Wiewohl das Narrativ der Sachzwänge deutliche Spuren in der gesellschaftlichen Organisation der Versorgung mit Kunst und Kultur hinterlassen hat, handelt die Geschichte des Gelingens von OKA nicht von Anpassung oder Einpassung, sondern von reflektierter Tätigkeit. Die eigenen Arbeits- und Geschäftsprozesse reflexiv zu stellen, mitunter gar das Geschäftsmodell zu reformulieren, verweist auf grundlegende Fähigkeiten zur Reflexion und Reflexivität. Trotz der finanziell herausfordernden Situation des Clubs während der Corona-Pandemie, war die veränderte Praxis reflektiert und an einem Sinn orientiert. So wurden beispielsweise konsumistische Konzepte zur Finanzierung verworfen und kategorisch ausgeschlossen:

    »Und tatsächlich war es auch so, dass die gar nicht so auf den Verkauf von Merchandise Leitartikeln jetzt umgepolt haben. Das ist ja auch so ein Gedanke der Nachhaltigkeit, dass die Leute einfach weniger kaufen sollen und dafür aber auch, dass Qualität da ist. Und das fand ich schon ganz gut, dass der Club jetzt nicht auf einmal zum Verkaufssektor umpolt.«

    (Interview Sommer)

    Die Orientierung der Unternehmung an einem geteilten Sinn, der nicht nur identitätspolitische Möglichkeiten zur Teilhabe bereitstellt, sondern sich auch gesellschaftspolitisch verortet, einbringt und Position bezieht, markiert die unternehmenspolitische Dimension. Gesellschaftliche Deutungsmacht über die eigene Praxis als kulturschaffende Praxis zu erlangen, beinhaltet nicht nur einen solchen Standpunkt, sondern auch, etwaige Konfliktlinien klar zu benennen, also die Clubkultur schützen zu wollen und zu können vor solchen Kräften, die nur unreflektiert individuellen Genuss und Exzess frönen, anstatt gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, in einer Zeit, in der dies mehr als bislang gebraucht wird:

    »Ein anderer Teil unserer sogenannten ›Szene‹ hingegen steht nach wie vor für Business und blanken Hedonismus. Plague Raves bilden die Demarkationslinie in einem Streit, der ein kleines Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Polarisierung in der Corona-Ära darstellt. Was wir der um sich greifenden Ignoranz und Egozentrik namhafter Ich-AG-DJs und ihren Followern entgegenzusetzen haben? Kollektive Strukturen in der Clubkultur; in Clubs, Festivals, Labels und unter Veranstaltenden; Graswurzel Modelle, die von Umsicht, Kooperation und Solidarität geprägt sind und die Aushandlungen erfordern. Wir müssen zusammen dafür einstehen, dass dieses Selbstverständnis irgendwann einmal cooler ist als irgendwessen Cockpit-Selfies.«

    (OKA Facebookseite 2021)

    Deutlicher als zu Beginn meiner Forschungen vermutet, sehe ich nun zusammenfassend betrachtet am Ende dieser Arbeit eine Gelingensgeschichte mit transformativem Potenzialen in den Handlungen der von mir beschriebenen Akteur*innen. Das objekt klein a, zu Beginn der Pandemie als fragil erscheinende Institution und in seiner Existenz bedroht, besteht nach nun immerhin 14 Monaten der Pandemie noch immer. Ein Ende ist nicht in Sicht, dank kollektiver Mühen verschiedener Menschen, institutioneller Anerkennung und einer Menge Engagement, Mut und Gestaltungswillen. 

    Den Akteur*innen der Subkultur und freien Szene hat die Pandemie bislang viel Kraft gekostet. Einschränkungen mussten ausgehalten werden, Arbeit musste geleistet werden, Geld musste gespart werden. Doch am Beispiel des objekt klein a und Wiete Sommers kollektivem Projekt Stamina lassen sich Tendenzen erkennen, die mir Hoffnung machen für die Zukunft. Die fortgeschrittene kollektive Organisation und kooperative Vernetzung der verschiedenen Akteur*innen sind der Nährboden für eine partizipativ und solidarisch organisierte Kultur der Zukunft. Am Beispiel von Wiete Sommer können wir als Gesellschaft außerdem lernen und uns inspirieren lassen, wie Erfahrungen dieser Zeit die Vorstellungskraft für die Zukunft der eigenen Arbeitsweise und Projektorganisation befördert haben. Ihr Unternehmen, ein Tanztheater in Dresden zu etablieren, hat seinen Ausgang genommen. Und ihr Engagement im Projekt hat ihr die Gewissheit, den Halt und die Motivation dafür gegeben, inmitten von Unsicherheit und Nichtwissen reflektiert zur Tat zu schreiten:

    »Ich will einfach solche Projekte machen, ich will Inszenierungen machen. Ich habe da einmal Feuer gefangen und finde das großartig.«

    (Interview Sommer)
    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Kultur aus der Tiefe: Tanztheater und Clubkultur zwischen Möglichkeiten und Prekaritäten. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sieben Artikel unterteilt. Hier findest du alle Teile im Überblick:

    Teil 1: Leere Tanzflächen und geschlossene Theater
    Teil 2: Ungewisse Zukunft des Kultursektors
    Teil 3: Die Kultur-Szene kriselt
    Teil 4: Virtuelle Räume der Begegnung
    Teil 5: Wie Kultur unternehmen?
    Teil 6: Kultur braucht Anerkennung
    Teil 7: Wider die Sachzwänge
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