2. Juli 2022

    Die Kultur-Szene kriselt

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    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Kultur aus der Tiefe: Tanztheater und Clubkultur zwischen Möglichkeiten und Prekaritäten. Im Zuge der, durch die Covid-19 Pandemie herbeigeführten Kontaktbeschränkungen und Veranstaltungsverbote wurden große Teile des Kultursektors vor existentielle Herausforderungen gestellt. Der Autor der Studie, Nico Berthold, setzt sich exemplarisch anhand des »objekt klein a« (OKA), einem Dresdner Club im alternativen Milieu, und im Austausch mit Wiete Sommer, mit diesen Herausforderungen und möglichen Bewältigungsstrategien auseinander. Ursprünglich ist diese Studie gemeinsam mit fünf weiteren »Geschichten des Gelingens« in einem Sammelband bei Metropolis erschienen. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sieben Artikel unterteilt. Bei diesem Artikel handelt es sich um den dritten von sieben Teilen. Unterhalb des Artikels wird auf die weiteren Teile verwiesen. 

    Der Gestaltungsmoment 

    Auf den anfänglichen Schock – der gewohnte Abläufe unterbrach, Routinen in den Arbeits- und Geschäftsprozessen ins Leere laufen sowie Wissen und Nichtwissen zerfließen ließ – folgte der Gestaltungsmoment. Innerhalb des OKA bildete sich die sogenannte Struktur-Gruppe, die sich traf, um gemeinsam neue Konzepte zu finden:

    »Also John hat dieses Zoom-Meeting aufgemacht, und da haben wir gebrainstormt, was man in diesem Club alles machen kann. […] Es wurde sich erst mal drauf konzentriert: Was machen die anderen? Und was können wir anbieten? Was ist alles möglich? Was gibt’s an Förderungen für uns?«

    (Interview Sommer)

    Infolgedessen entstanden unterschiedliche Ideen und Ansätze, wie der Pandemie-Situation kreativ begegnet und die Unternehmung sich selbst im Spiel halten kann. Diese neuen Praktiken stelle ich im Folgenden dar.

    Vernetzung – Solidarität – Sichtbarkeit

    Zunächst wurde auf bereits bestehende Strukturen zurückgegriffen, getreu dem Motto: »Wir müssen hier einfach zusammenhalten und uns da gemeinsam durchboxen« (ebd.). Der bereits wenige Monate zuvor gegründete Verein KlubnetzDresden e. V. fungierte als ein Netzwerk innerhalb der Szene, um Interessen zu bündeln und einander zu unterstützen. Gemeinsame Positionspapiere wurden ausgearbeitet (Klubnetz Dresden e. V. 2020), Forderungen an Politik formuliert und mehrere solidarische Crowdfunding- Kampagnen unter dem Namen Shutdown? Rise up! Rettet die Dresdner Klubs initiiert. Begleitet durch viele Streaming-Angebote konnte so ein Betrag von über 75.000 Euro generiert werden (Startnext 2020). Diese Finanzmittel standen per Antrag für die verschiedenen Akteur*innen zur Verfügung, um Engpässe in der Liquidität von insolvenzbedrohten Orten zu überbrücken. Die bereits zuvor erprobten Praktiken, wie innersektorale Vernetzung und das Ausarbeiten von innovativen Finanzierungskonzepten, konnten von den Akteur*innen in die Krisensituation transferiert werden und gaben ihnen so die Möglichkeit, dynamisch auf die neue Situation reagieren zu können. Neben der Sicherstellung der Liquidität konnte auf diesem Weg zugleich Aufmerksamkeit geschaffen werden für die existenzbedrohenden Probleme der Beteiligten. Die Verantwortungsgemeinschaft aus Kulturakteur*innen, Gästen, Interessierten etc. entschärfte die Lage, entband jedoch nicht von politischer Verantwortung. Mithilfe des KlubnetzDresden e. V. wurden weitere öffentlichkeitswirksame Aktionen initiiert, um ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Not des Kultursektors zu schaffen:

    »So ist ja jetzt auch dieses ›Kulturgesichter Dresden‹ entstanden, wo ja kulturschaffende Menschen fotografiert werden. […] Die fotografieren Kulturschaffende und posten die dann auf Instagram. Einfach der Sichtbarkeit halber.«

    (Interview Sommer)

    Angelehnt an die die bundesweite Aktion Ohne uns ist’s still wurde auf Instagram und auf Plakaten in der Stadt öffentlich sensibilisiert für die Lage der Kulturschaffenden, die auf Grund der Schließung der Kultureinrichtungen gezwungenermaßen zuhause bleiben mussten (Kulturgesichter Dresden o. J.). Neben dieser bundesweiten Kampagne wurde im weiteren Verlauf der Pandemie die Vernetzung immer weiter vorangetrieben, sodass auch überregionale Kooperationen entstanden: »Dann gibt’s die ›LISA‹. Die hat sich jetzt auch vor ein paar Wochen erst gegründet. Das ist die ›Live Initiative Sachsen‹. Die ist auch für die Clubkultur« (Interview Sommer). Wie das Klubnetz auf lokaler Ebene in Dresden, das ebenfalls an der Gründung der LISA beteiligt war, bildet diese nun seit dem Frühjahr 2021 eine Lobby für die Clubkultur und die Livemusikspielstätten Sachsens. Die Initiative versteht sich als »Netzwerk von Netzwerken« (Live Initiative Sachsen 2021) auf Länderebene.

    Den Ort umnutzen

    Die Vernetzung und Kommunikation im Hintergrund wurden begleitet durch die kreative Umnutzung des Geländes der Kultur- Unternehmung. Neben zwei großen Innenräumen, die zu ›pre- Corona-Zeiten‹ das Herzstück des Clubs gebildet haben, gibt es auf dem Gelände des OKA einen weitläufigen Außenbereich, betrieben durch den Palais Palette e. V. Dieser Verein ermöglichte es der Unternehmung im Spätsommer bis Herbst des Jahres 2020, mit veränderter Strategie und variiertem Geschäftsmodell unter zahlreichen Hygieneauflagen wieder regelmäßig zu öffnen und sogar ein kleines Programm an Kulturveranstaltungen kuratieren zu können:

    »Der Biergarten, das war auch eine super Idee. […] Und ich glaube, das hat auch ganz stark dazu beigetragen, dass es den Club gerettet hat, finanziell. Weil, das war dann die Haupteinnahmequelle. […] Und das war krass, weil die Leute, die die Bar dort gemacht haben und sich um den Biergarten gekümmert haben, das waren immer die sechs gleichen […] und die haben dort jedes Wochenende den Biergarten gerockt und waren schon eigentlich genervt, weil sie dort für nichts gearbeitet haben.«

    (Interview Sommer)

    Tanzen war zunächst streng verboten. Wer sich nicht daran hielt, musste den Biergarten verlassen. Musik durfte gespielt werden, sodass auch einige der Dresdner Musikkollektive die Möglichkeit hatten, ihre Schallplatten für das Publikum im Biergarten aufzulegen. Die dynamic capabilities, die sich in diesem Umgang mit der Krise zeigen, liegen nicht nur darin, Möglichkeitsfenster zu erkennen und zu nutzen, sondern auch, sich auf die eigenen Kernkompetenzen und darauf zu besinnen, wofür die Unternehmung da ist (Teece et al. 1997). So konnten sie auch den anderen Akteur*innen des Feldes den Möglichkeitsraum für ihre Unternehmungen wieder öffnen. Im Herbst des Jahres 2020 durfte dann auch vereinzelt getanzt werden: auf eigens dafür ausgelegten Turnmatten, die gewährleisten sollten, dass die Gäste genügend Sicherheitsabstand zueinander hielten. Willens und in der Lage zu sein, verantwortungsvoll nach neuen Wegen zu suchen, zu lernen, sind entscheidende Bedingungen dieser Gelingensgeschichte. Selbst Konzerte konnten so ermöglicht werden. Das Konzept des Biergartens hat insgesamt gut funktioniert und fand Anklang, sowohl bei den Veranstaltenden als auch bei den Besucher*innen. 

    Der Umsatz, wiewohl er auf weiterer unentgeltlicher Arbeit beruhte, konnte zur Rettung des Ortes beitragen – mit der Aussicht auf Verstetigung. Für die Instandhaltung der Infrastruktur des Außenbereiches wurde zudem eine Förderung beantragt und genehmigt: »Das Palais Palette hat ja jetzt den Fußboden komplett neu finanzieren lassen. Und daher ist da auf jeden Fall auch der Wille da, dass das wächst, weiterwächst und Bestand hat« (Interview Sommer). Mit der Hilfe des Palais Palette und vielen freiwilligen Helfer*innen konnten so die Paletten-Konstruktionen im Außenbereich renoviert werden, sodass sich Perspektiven für das Konzept des Biergartens auch nach der Pandemie ergeben. Zusätzlich zu den Musikveranstaltungen wurde das OKA an den schöneren Tagen zum Kino umgestaltet: »Da gab es noch das Kino und die Kinoabend und die haben sich auch immer um Clubkultur gedreht« (ebd.). Mit dem Themenschwerpunkt auf Clubkultur wurde so ein weiteres Angebot geschaffen, das unter den verschärften Hygienebedingungen möglich war und zugleich thematisch zum Publikum und Ort gepasst hat. Auch dieses Konzept könnte nach der Pandemie weitergeführt werden. Doch nicht nur für den Genuss von Filmen stand der Raum bereit, auch als Szenerie für den Dreh:

    »Wir haben vor vier bis fünf Wochen dort oben einen Film gedreht und haben diesen großen Floor genutzt für zwei Sets. […] Und es ist auch wieder ein neuer Film angedacht von jemand anderem. […] Also es ist einfach unglaublich cool, diesen Ort für so kleine Filmproduktionen zu nutzen.«

    (ebd.)

    Neben diesen gab es noch weitere Umgestaltungen des Raumes mit innovativen Nutzungen, es wurde etwa eine Teleshopping-Sendung inszeniert und seit Februar 2021 können in den Räumlichkeiten des OKA Gurgel-PCR-Test gemacht werden (TAG 24 2021). Ähnlich wie in anderen Clubs in ganz Deutschland, wird diese Bereitstellung der Räume als gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmung, nämlich als Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie verstanden – ein Umnutzungskonzept, das sich hoffentlich alsbald erschöpft haben wird.

    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Kultur aus der Tiefe: Tanztheater und Clubkultur zwischen Möglichkeiten und Prekaritäten. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sieben Artikel unterteilt. Hier findest du alle Teile im Überblick:

    Teil 1: Leere Tanzflächen und geschlossene Theater
    Teil 2: Ungewisse Zukunft des Kultursektors
    Teil 3: Die Kultur-Szene kriselt
    Teil 4: Virtuelle Räume der Begegnung
    Teil 5: Wie Kultur unternehmen?
    Teil 6: Kultur braucht Anerkennung
    Teil 7: Wider die Sachzwänge