22. Januar 2022

    Praxis transformiert

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    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Kollektives Verändern durch digitale Teilhabe: Politische Bildungsarbeit in der Krise. Das Feld der politischen Bildung lebt von einer Vielzahl kleinerer Vereine, die Workshops und öffentliche Veranstaltungen ausrichten. Die Covid-19 Pandemie stellte diese Vereine vor schwerwiegende Herausforderungen, denn plötzlich sind große Teile ihrer Arbeit nicht mehr möglich und die oftmals schon vor der Pandemie prekäre Finanzierungslage spitzt sich weiter zu. Dass diese Herausforderungen nicht zwangsläufig in Ohnmacht münden müssen demonstriert das F3_kollektiv. In ihrer Studie setzt sich Pina Schubert mit den Strategien zur Krisenbewältigung des Kollektivs mit thematischem Schwerpunkt »Digitalisierung aus einer machtkritischen Perspektive« auseinander und zeigt dessen transformatives Potential auf. Praxispartnerin ist Mitgründerin des F3_kollektivs, Evelyn Linde. Ursprünglich ist diese Studie gemeinsam mit fünf weiteren »Geschichten des Gelingens« in einem Sammelband bei Metropolis erschienen. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sieben Artikel unterteilt. Bei diesem Artikel handelt es sich um den dritten von fünf Teilen. Unterhalb des Artikels wird auf die weiteren Teile verwiesen. 

    Praxis transformiert 

    Veränderungen zulassen

    Die Um- und Neugestaltungen der Organisationen in den Abläufen wie den Strategien sind auf die Fähigkeit zurückzuführen, Veränderungen zulassen zu können. Mit einer großen Offenheit bezüglich der veränderten Handlungs- und Wirkungsbedingungen beschreibt Evelyn Linde die Reaktion ihres Kollektivs. Sie wurde begünstigt durch das kurze Bestehen und den andauernden Findungsprozess der Unternehmung, hängt also damit zusammen, dass nur wenige Pfadabhängigkeiten im Zuge der Institutionalisierung aufgebaut wurden. Entscheidend war die reflexive und partizipative Konstitution der Unternehmung:

    »Wenn man in einem Suchprozess ist, dann verhärtet man sich eben nicht, sondern lässt Grenzen tendenziell offen, auch im Kopf, in den Strukturen […] Also wir haben natürlich auch Vereinbarungen oder Dinge, die uns einen, die ganz klar das Fundament davon legen, was uns verbindet und wie wir zusammenarbeiten. Aber darüber hinaus ist dann auch klar, dass sich mit veränderten Bedürfnissen, veränderten Bedingungen, ja auch unsere Arbeit und unsere Zusammenarbeit verändern kann oder muss manchmal auch.«

    (Interview F3_kollektiv)

    Das kurze Bestehen und der hohe Grad an Reflexivität der Unternehmung wirkten sich letztendlich positiv aus auf ihre Fähigkeit, flexibel und offen auf die Veränderungen zu reagieren, sowie ihre Bereitschaft, dies auch tatsächlich zu tun. Die Umstellung auf digitale Kommunikations- und Lehr-Lern-Formate bettete sich daher auch einfacher in die Strukturen des Kollektivs ein. Wichtiger Ausgangspunkt dafür waren die bereits geplanten digitalen Lerntools, die so »zum richtigen Zeitpunkt« (ebd.) im Erfahrungsschatz vorhanden und daher angewendet werden konnten. Sie machten das F3_kollektiv bereits im Frühjahr 2020 handlungsfähig – lange vor vielen anderen Anbieter*innen der politischen Bildung. So war die Unternehmung früh willens und in der Lage, ihre Arbeit in den digitalen Raum zu verlagern. 

    Das Kollektiv plante schon im Vorjahr der Krise, zukünftig Stimmen aus dem Globalen Süden in live Online-Veranstaltungen persönlich zu Wort kommen zu lassen. Hieraus ergab sich eine einfache Möglichkeit, den digitalen Raum auch als geeignetes Medium für machtkritische Bildung zu nutzen und zum Beispiel Expert*innen aus Kolumbien »direkt sichtbar und für sich sprechen« (Interview F3_kollektiv) zu lassen. Dies birgt einen doppelten Vorteil: 

    Erstens überbrückt der Austausch mit Menschen aus dem Globalen Süden in einer reinen Online-Veranstaltung bei gegebenen technischen Voraussetzungen Raum und Zeit. Und zweitens stellt er sicher, dass die Betroffenen auf derselben Ebene wie die anderen Teilnehmer*innen an der Veranstaltung partizipieren können. Die Wahrnehmung der Seminarteilnehmer*innen von Akteur*innen aus dem Globalen Süden als Expert*innen und Gesprächspartner*innen kann so auf einer neuen Ebene verändert werden. 

    Aber neben diesem ›glücklichen Zufall‹, dass es schon Material für die veränderte Pandemie-Situation gab, war ein weiterer Aspekt besonders ausschlaggebend für die Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit des F3_kollektiv: Und zwar ihre grundsätzliche Offenheit und Lernbereitschaft, die Fähigkeit zur eigenen Reflexion miteinander und das »Eröffnen von Erfahrungsräumen« (Hochmann 2021 in diesem Band), die letztendlich ihre in vielfacher Hinsicht gelingende Reaktion auf die Pandemie ausmachten. So gesehen, erwies sich die Unternehmung nicht nur als besonders krisenfest und resilient. Sie verfügt ebenso über die dynamic capabilities, die Krise als Krise in einem größeren Kontext wahrzunehmen, sie kollektiv zu verarbeiten und letztlich kreativ-schöpferisch einen lösungsorientierten Umgang mit ihr zu entwickeln (ebd.). 

    Statt paralysiert abzuwarten, wurde das Kollektiv rasch aktiv und reagierte auf der Basis des vorhandenen Materials und der Pandemiesituation gestalterisch und verantwortungsbewusst. Sie hofften nicht retrospektiv auf eine baldige Wiederherstellung der virusfreien Vergangenheit, sondern übernahmen prospektiv durch Aneignung neuer Praktiken Verantwortung für ihren gesellschaftlichen Auftrag, für das gesamte Feld, für sich selbst und gegenseitig. Diese Responsibilisierung im Sinne eines »doing Verantwortung« (Buschmann und Sulmowski 2018) wird durch die Unternehmung in praxi als Akteurin und in Form von sozialen Praktiken, also nicht abstrakt, sondern konkret hergestellt. Die Voraussetzung dafür ist eine Selbstbefähigung, die im F3_kollektiv vor allem von der gemeinsamen Fähigkeit zu offener Kommunikation und Reflexion als auch ihrer Bereitschaft ausgeht, erforderlichenfalls radikal neu zu lernen.

    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Kollektives Verändern durch digitale Teilhabe: Politische Bildungsarbeit in der Krise. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in fünf Artikel unterteilt. Hier findest du alle Teile im Überblick:

    Teil 1: Gesellschaft neu lernen
    Teil 2: Ungeplant Krisenfest
    Teil 3: Praxis transformiert
    Teil 4: Es bedarf Achtsamkeit
    Teil 5: Sinn legitimiert
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