26. September 2022

    Quo vadis, Kultursektor?

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    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Die Neuerfindung des Kultursektors: Wie Musikunternehmungen zu Solidarität und Kooperation befähigen. Es gibt wohl keinen gesellschaftlichen Bereich, der nicht von der Covid-19 Pandemie betroffen war. Jedoch traf die Pandemie nicht alle gleichermaßen. Als besonders Krisenanfällig stellte sich der Kultursektor heraus, was auf seine schon vor der Pandemie fragile Strukturen und die Abhängigkeit von häufig prekär beschäftigten Solo-Selbstständigen und Kleinunternehmer*innen zurückgeführt werden kann. Dass auch unter diesen erschwerten Bedingungen Krisenbewältigung gelingen kann zeigt Jakob Fraisse in seiner Studie, anhand der Unternehmungen jazzahead! und JazzLab, auf. Ursprünglich ist diese Studie gemeinsam mit fünf weiteren »Geschichten des Gelingens« in einem Sammelband bei Metropolis erschienen. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sechs Artikel unterteilt. Bei diesem Artikel handelt es sich um den sechsten von sechs Teilen. Unterhalb es Artikels wird auf die weiteren Teile verwiesen.

    Die geteilte Deutung der COVID-19-Pandemie initiierte bei den Musikunternehmungen eine Reflexion, die wiederum veranlasste, neue Praktiken zur Gestaltung einzubringen. Diese Übernahme von Verantwortung ging mit dem Anliegen der Qualifikation durch die Akteur*innen selbst und damit dem Versuch einher, die Situation zu gestalten. 

    Um zu beantworten, inwiefern es sich hierbei um den titelgebenden Transformationsprozess handelt, möchte ich kurz daran erinnern, von welcher Art Transformation hier die Rede ist, und welche Rolle Praktiken in diesem Prozess spielen. Die historischen Prozesse der Vermarktlichung, einer Liberalisierung des Arbeitsmarkts von Kulturakteur*innen und der Wegfall des Tonträgergeschäfts aufgrund der Ausbreitung großer Streaming- Plattformen haben die aktuelle Situation, in der Kulturakteur*innen sich oft in prekären Arbeitsverhältnissen und ohne soziale Absicherung wiederfinden, daher im Kontext der COVID-19- Pandemie um ihre Existenz fürchten müssen, hervorgebracht. Die Ursache und der Kern dieser Situation ist, »dass das über mehr als zwei Jahrhunderte hegemoniale Entwicklungs-, Industrie-, Wachstums-, und Fortschrittsmodell an seine natürlichen und gesellschaftlichen Grenzen gestoßen und auf den Prüfstand gestellt ist« (Reißig 2015, S. 5). Transformation bedeutet eine Alternative, die ohne die »Verabsolutierung des gesellschaftlichen Bruchs und eines ausschließlich strukturimmanenten Wandels innerhalb der gegebenen sozioökonomischen und -kulturellen Ordnung« (ebd.) möglich ist. Dafür braucht es die »Öffnung von Gelegenheitsfenstern« (ebd., S. 15), wie wir im Rahmen der COVID-19-Pandemie beobachten können. Transformation bedeutet dann, die in der Gesellschaft heranreifenden »Potenziale einer möglichen anderen Entwicklungsweise […] freizusetzen, auszureizen, miteinander zu verbinden, weiterzuentwickeln und gegen die vielfältigen Blockaden und Widerstände institutionell abzusichern« (ebd.). 

    Das besondere Wesen der Transformation, also die Tatsache, dass sie keinen harten Bruch darstellt, lässt sich besonders gut durch den hier gewählten Praxisfokus fassen. Praxeologisch gesprochen, ist gesellschaftliche Transformation nicht viel mehr, aber auch nicht viel weniger als die Variation von Praktiken in Reaktion auf die mehr oder weniger bewusste Reflexion genau dieser Praktiken, respektive ihrer Irritation. Mit dem vorliegenden Beitrag möchte ich genau das zeigen: die soziale Realität von Menschen vorstellen, die in tätiger Praxis gemerkt haben, dass bestimmte Praktiken nicht mehr so wie bislang reproduziert, sondern umgestaltet werden sollten. Diese Transformation ist nicht nur erforderlich, sie ist auch möglich. Manche von den hier thematisierten Reflexionsprozessen wurden vor vielen Jahren angestoßen. Ein Großteil davon aber durch die COVID-19-Pandemie initiiert, andere intensiviert. Schon jetzt führen diese Reflexionsprozesse dazu, dass die thematisierten Musikunternehmungen aus dem Trott des Alltags rauskommen und sich ihrer Situation bewusstwerden. Es ist der Beginn einer abweichenden, sozialökologisch nachhaltigeren Reproduktion von Praktiken. 

    Verschiedentliche Fähigkeiten ermöglichen in diesem Zusammenhang die Erprobung und Etablierung neuer Praktiken im Sinne einer Befähigung, die in die Richtung einer solidarischen Wirtschaft und vermehrter digitaler Kooperation weist. Das transformative Potenzial, das damit verbunden ist, sehe ich vor allem in einer Grundhaltung der Kulturakteur*innen, die sich in den hier beschrieben neuen Praktiken ausdrückt. Sie geht einher mit einem aktiven Einbringen, mit Verantwortungsübernahme und konkreten Gestaltungsansprüchen. Die transformativen Ansätze setzen auf der einen Seite das Erproben und Einüben neuer Umgangsweisen voraus. Auf der anderen Seite können Praktiken auf der strukturellen Ebene nur durch soziale und ökonomische Sicherheit überdauern und ihre Wirkung entfalten, das heißt, die Transformation muss darauf zielen, neue Strukturen zu etablieren, aus denen anschließend neue gesellschaftliche Praxis, also eine neue Versorgung mit Kunst und Kultur auf breiter Front statt in der Nische möglich wird. 

    Im Zuge der COVID-19-Pandemie wurde und wird für die Kulturakteur*innen und ihre Institutionen erfahrbar, dass über mehr Solidarität und Kooperation die Krise bewältigt und eine krisenfestere Versorgung möglich gemacht werden kann. Mit meiner Forschung möchte ich Öffentlichkeit dafür schaffen und einen ersten Hinweis darauf geben, welche Fähigkeiten bei einer Neuerfindung des Kultursektors erforderlich sein werden. Die 

    im Kontext dieses Beitrags vorgestellten Gelingensgeschichten sind Richtungsmarken. Sie sind keine Gelingensgeschichten, weil sie einen perfekten Umgang mit der Krise darstellen, der dieselbe unbeschadet überstehen lässt. Auch bei den vorgestellten Musikunternehmungen ist und bleibt unklar, ob sie die Pandemie überstehen werden. Dennoch sind es Gelingensgeschichten, weil sie die Gestaltbarkeit betonen und mit dem Mut einhergehen, die Dinge anders zu machen, Neues auszuprobieren – und damit den zerstörerischen Auswirkungen einer globalen Krise etwas entgegensetzen, sei es die Corona-Pandemie, die Klimakrise oder eben die Krise des Kultursektors.

    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Die Neuerfindung des Kultursektors: Wie Musikunternehmungen zu Solidarität und Kooperation befähigen. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sechs Artikel unterteilt. Hier findest du alle Teile im Überblick:

    Teil 1: Das dünne Eis des Kultursektors
    Teil 2: Musikunternehmungen im Ringen mit der Krise
    Teil 3: Doing Verantwortung
    Teil 4: Über die Rechtfertigung
    Teil 5: Möglichkeitssinn und Zukunftsmusik
    Teil 6: Quo vadis, Kultursektor?