22. Januar 2022

    Möglichkeitssinn und Zukunftsmusik

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    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Die Neuerfindung des Kultursektors: Wie Musikunternehmungen zu Solidarität und Kooperation befähigen. Es gibt wohl keinen gesellschaftlichen Bereich, der nicht von der Covid-19 Pandemie betroffen war. Jedoch traf die Pandemie nicht alle gleichermaßen. Als besonders Krisenanfällig stellte sich der Kultursektor heraus, was auf seine schon vor der Pandemie fragile Strukturen und die Abhängigkeit von häufig prekär beschäftigten Solo-Selbstständigen und Kleinunternehmer*innen zurückgeführt werden kann. Dass auch unter diesen erschwerten Bedingungen Krisenbewältigung gelingen kann zeigt Jakob Fraisse in seiner Studie, anhand der Unternehmungen jazzahead! und JazzLab, auf. Ursprünglich ist diese Studie gemeinsam mit fünf weiteren »Geschichten des Gelingens« in einem Sammelband bei Metropolis erschienen. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sechs Artikel unterteilt. Bei diesem Artikel handelt es sich um den fünften von sechs Teilen. Unterhalb es Artikels wird auf die weiteren Teile verwiesen.

    Möglichkeitssinn und Zukunftsmusik

    Mit der Hauptkategorie des Wollens thematisierte ich, wie die Akteur*innen ihr Handeln vor dem Hintergrund größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge hinterfragen und einordnen bzw. einen neuen Willen herausbilden. 

    Selbstreflexion und Zukunftsbilder: Während sich die Rollen der Institutionen im Feld unterscheiden, betonen beide die Bedeutung von Kultur in unserer Gesellschaft, grade in Zeiten der Pandemie. Die Krise selbst veranlasste, über den Stellenwert von Kultur neu nachzudenken und damit die eigenen Praktiken zu hinterfragen. 

    »Und ich merke bei mir selber total, dass, sobald weniger zu tun ist, dass schon häufiger die Frage kommt: Für wen mache ich das überhaupt? Und hat das überhaupt eine Berechtigung?«

    (Interview JazzLab)

    In der Krise wurde dabei laut des Interivewpartners vorgeführt »was für eine Gesellschaft relevant ist und was nicht« (Interview JazzLab). Die niedrige Wertschätzung ist in diesem Kontext auch ein Hintergrund der Fragilität des Kultursektors. Die Auswirkungen dieser Krisenanfälligkeit bekommen die Kulturakteur*innen nun zu spüren. Gleichzeitig führt die Reflexion zu einem neuen Selbstbewusstsein, einem Verständnis darüber, dass es nicht egal ist, dass es die Institutionen gibt.

    »Ich glaube was uns geholfen hat, ist, dass wir uns relativ viel Zeit genommen haben, zu reflektieren, worauf wir eigentlich Bock haben. Und was uns so antreibt. Ja. Kollektiv ja, aber auch die Leute, mit denen man in den letzten Jahren viel gemacht hat, Musik gemacht hat und so was. Das wäre ja sehr schade, wenn man das sofort einstampfen würde.«

    (Interview JazzLab)

    Was hier thematisiert wird, ist mehr als nur die Reflexion einer bestimmten Praxis wie die Nutzung digitaler Kommunikationstechnologien oder kollektiver Organisation. Die besondere Situation bringt die Kulturakteur*innen dazu, ihre Situation ganzheitlich zu betrachten und in Reaktion darauf Routinen aufzubrechen. Denn indem ihnen klar wird, dass es nicht egal ist, dass es sie gibt und wie sie auf die Situation reagieren, dass sie stattdessen die Situation in ihrem Sinne und dem für sie wichtiger Akteur*innen gestalten können, sind sie bereit, Routinen aufzubrechen und neue Praktiken auszuprobieren. 

    Die Reflexionsprozesse hängen dabei teilweise eng mit konkreten Zukunftsbildern zusammen. Die Einschätzung zukünftiger Entwicklungen ist bei den Interviewpartner*innen durch die Sorge um das Fortbestehen des Kultursektors und die Hoffnung auf eine gelingende Zukunft charakterisiert. Zwar glaubt der Interviewpartner des JazzLab, »dass wir zu einer Normalität kommen« (Interview JazzLab). Aber gleichzeitig auch, »dass das noch ein paar Jahre dauert« (Interview JazzLab). Es existiert die Sorge, dass sich die betroffenen Akteur*innen an die Situation gewöhnen und den Besuch von Kulturveranstaltung als mögliche Freizeitgestaltung schlichtweg vergessen. Es brauche dementsprechende Anstrengungen, um die neuen Angebote zu kommunizieren und dafür zu sorgen, dass sich auch nach der Pandemie erneut ein lebendiges Kulturleben einstelle. Gleichzeitig blicken grade die Mitglieder des JazzLab positiv in die Zukunft.

    »Ich glaub, man muss versuchen, das so optimistisch wie möglich zu sehen. Und gar nicht an eine nächste Krise denken. Da hat keiner was davon. Das sieht in anderen Ländern der Welt ganz anders aus. Und das habe ich auch nochmal mitgenommen, und würde ich eine nächste Krise gehen, dass ich schon relativ zuversichtlich wäre, dass wir da schon irgendwie gut durchkommen.«

    (Interview JazzLab)

    Dieses positive Zukunftsbild ist ebenfalls eine Voraussetzung dafür, die Situation zu gestalten, Routinen aufzubrechen und neue Praktiken auszuprobieren. Denn nur mit einer Grundeinstellung, die das Handeln der eigenen Institution als Beitrag zu einer gelingenden Zukunft sieht, findet sich der Mut einen solchen neuen Weg zu gehen. 

    Transformatives Potenzial: Die Richtung einer potenziellen gesellschaftlichen Veränderung ist für die Musikunternehmungen klar. Als größte Barriere dafür wird die fehlende monetäre Wertschätzung gesehen, die sich in den porösen marktförmigen Strukturen des Kultursektors niederschlägt. Die Kulturakteur*innen haben mit der medialen und politischen Hierarchisierung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche vor wie während der COVID-19-Pandemie zu kämpfen, in deren Zuge es zu einer systematischen Abwertung von Kunst und Kultur kommt.

    »[Es wäre wichtig,] dass es da nicht so ein Gefälle gibt, und man sagt: Kultur bringt ja eh nichts. Oder: Kultur […] ist kein Wirtschaftsfaktor.«

    (Interview jazzahead!)

    Eine kultur- und sozialpolitische Konsequenz kann in einer sozialen Grundsicherung als Abkehr marktförmiger Versorgungsstrukturen liegen, damit Kulturakteur*innen ohne stetige Existenzsorgen aufgrund informeller Arbeitsformen und dem Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihrer Aktivitäten diesen nachgehen könnten.

    »Ein Begriff, der im Hintergrund da ja immer so rumschwirrt, ist die Frage nach dem Bedingungslosen Grundeinkommen.«

    (Interview JazzLab)

    Es ist eine gesellschaftliche Frage und Aufgabe, ob und wenn ja, wie für den Fortbestand von Kunst und Kultur gesorgt wird – auch wenn der Besuch von Veranstaltungen wegen pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen für lange Zeit nicht in der bekannten Form möglich ist. Diese Entwicklung könnte mit einer grundlegenden Neuorganisation des Kultursystems einhergehen.

    »Weil es sonst gar nicht funktioniert, und wirtschaftlich gar nicht funktionieren kann, Kunst und Kultur so zu haben, wie wir sie bisher hatten.«

    (Interview JazzLab)

    Welche Rolle spielt eine neue Praxis in diesem Zusammenhang? Wie steht es um das Verhältnis der neuen Praktiken zu politischen Maßnahmen – können sie diese beeinflussen? Können Legitimierung und Wertschätzung der Kultur in unserer Gesellschaft sowie das Hinterfragen von Konzepten und Begrifflichkeiten durch neue Formen und Weisen der Versorgung mit Kunst und Kultur erfolgen? Bei der Analyse der Musikunternehmen fällt auf, dass genau diese Prozesse früher Transformation sich abzeichnen. Kooperative und teilweise solidarische Praxis kann für eine gesteigerte soziale Sicherheit der Kulturakteur*innen sorgen, wie im Fall der monetären Ausschüttung von Fördergeldern nach Bedarf beim JazzLab– Kollektiv. Gleichzeitig fällt aber auch eine kooperative Bezugnahme auf andere Akteur*innen auf. 

    Ich will einräumen, dass die Idee für »Umformungen, Übergänge zu einem neuen Entwicklungspfad, […] Wandel von Ordnungs- und Gesellschaftsmodellen, gesellschaftlichen respektive sozialen Formationen […]« (Reißig 2015, S. 2) zu sorgen, ambitioniert ist. Unstrittig ist jedoch, dass in diesem Kontext und grade in Zeiten der Pandemie Auslöser für solche Prozesse liegen. Transformation bedeutet in diesem Sinne einen »Wandel des Wirtschafts-, Produktions- und Sozialmodells, der System- und der Lebenswelt« (ebd.). Eine Transformation der Gesellschaft ist an das kooperative und solidarische Handeln von Akteur*innen des Wandels gebunden, die über Macht, Ressourcen und Bereitschaft verfügen. Im Kontext des Kultursektors gibt es beispielsweise die Idee von »smart intermediates between freelancers and their clients by employing the former and invoicing the latter, guaranteeing the freelancer all the rights, privileges and security of formal salaried employment whilst sustaining the autonomy and independence associated with freelance work« (Pitts 2020, S. 120 f.). 

    Denn entfalten wird sich das transformative Potenzial nur, wenn sich die sozial- und kulturpolitischen Rahmenbedingungen auf förderliche Weise ändern. Es braucht eine Neuerfindung der Kreativarbeit und damit die titelgebende Neuerfindung des Kultursektors – und in diesem Zusammenhang Institutionen, die unabhängig vom Staat die Bedingungen für eine selbstbestimmte Arbeit schaffen. 

    Selbstermächtigung: Die Musikunternehmungen verbindet, dass sie die Verantwortung für den Ausweg aus ihrer misslichen Lage nicht bei anderen Institutionen suchen, sondern sich selbst in eine gestaltende Position bringen: »Man könnte sich da als Plattform schon politischer darstellen. Die Möglichkeit haben wir auf jeden Fall« (Interview jazzahead!). Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass genau die Momente, die normalerweise eine selbstermächtigende Wirkung haben, in dieser besonderen Situation wegfallen.

    »Also ich find das auch total schade, dass auch wir diesen Kontakt nicht haben. Und das, was normalerweise Kraft gibt, ist die erfolgreiche Veranstaltung, das erfolgreiche Festival und die erfolgreiche Messe hinter sich zu haben.«

    (Interview jazzahead!)

    Selbstermächtigende Praktiken können auch im Fall des JazzLab größtenteils nicht stattfinden.

    »Das JazzLab lebt einfach davon, dass wir einen Ort haben, wo es auch um Musik geht, aber wo wir einen geschützten Raum herstellen, wo Menschen aller Generationen hinkommen, und das schafft glaube ich kaum eine andere Kunstform wie der Jazz: Jung und Alt verbinden, und das ist vielleicht auch das, was uns antreibt.«

    (Interview JazzLab)

    Das selbstermächtigende Moment lässt sich dafür in dem solidarischen Miteinander der neuen Praktiken wiederfinden. Die Bewusstmachung der Situation und die Willensbildung beruhen auf verschiedentlichen Fähigkeiten. Zunächst braucht es im Rahmen der Reflexion die Fähigkeit, aus sich heraus zu treten und in einem größeren Kontext zu verorten. Eine solche Reflexionsfähigkeit muss dabei mit einem ganzheitlichen Blick einhergehen. Gerade was die Zukunftsbilder angeht, braucht es außerdem ein ausgeprägtes Vorstellungsvermögen. Dieses umzusetzen, braucht wiederum die nötige Sprachfähigkeit, eine Vision in Worte zu fassen und andere von ihr zu überzeugen. Am Beispiel der Fallstudien wird außerdem sichtbar, dass das transformative Potenzial nicht ohne eine ausgeprägte Kooperationsbereitschaft bis hin zur solidarischen Orientierung ausgeschöpft werden kann.

    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Die Neuerfindung des Kultursektors: Wie Musikunternehmungen zu Solidarität und Kooperation befähigen. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sechs Artikel unterteilt. Hier findest du alle Teile im Überblick:

    Teil 1: Das dünne Eis des Kultursektors
    Teil 2: Musikunternehmungen im Ringen mit der Krise
    Teil 3: Doing Verantwortung
    Teil 4: Über die Rechtfertigung
    Teil 5: Möglichkeitssinn und Zukunftsmusik
    Teil 6: Quo vadis, Kultursektor?

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