16. August 2022

    Spendenkampagne mit Erfolg

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    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Krise hoch 2?: Gestaltungs- und Beharrungskräfte humanitärer Geflüchtetenhilfe. Die Geflüchtetenhilfe befindet sich eigentlich schon seit geraumer Zeit in einer Dauerkrise. Mit Ausbruch der Covid-19 Pandemie spitzte sich ihre Situation nun noch weiter zu. Die Handlungsfähigkeit der humanitären Hilfsprojekte wurde aufgrund pandemiebedingten Einschränkungen stark beschnitten und die sowieso schon unmenschlichen Zustände in den Geflüchtetenlagern verschlechterten sich weiter. Gleichzeitig waren Narrative von Zusammenhalt und Solidarität im öffentlichen Diskurs so weit verbreitet wie lange nicht mehr. Marie Keune betrachtet in ihrer Studie, welchen Umgang die Geflüchtetenhilfe mit den Pandemiebedingungen gefunden hat und wie sie trotz der großen Einschränkungen handlungsfähig geblieben ist. Dies geschieht beispielhaft anhand des Vereins Wir packen’s an (WPA) und im Austausch mit dessen Gründer Andreas Steinert. Ursprünglich ist diese Studie gemeinsam mit fünf weiteren »Geschichten des Gelingens« in einem Sammelband bei Metropolis erschienen. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sieben Artikel unterteilt. Bei diesem Artikel handelt es sich um den vierten von acht Teilen. Unterhalb des Artikels wird auf die weiteren Teile verwiesen. 

    Individuen und Netzwerke

    Ein weiteres Spannungsfeld, das für diese Geschichte des Gelingens von Belang ist, ist das zwischen Individuen und Netzwerken. Zwar hatte und hat die Pandemie kaum Einfluss auf die Arbeits- und Geschäftsprozesse des Vereins, wohl aber auf zumindest einen Teil der Projekte. Die Isolierstation auf Chios zum Beispiel wäre ohne die Pandemie wahrscheinlich nicht gebaut worden. Dass die eigenen Projekte von WPA im Rahmen meiner Forschung so offen eingeordnet wurden, zeugt von dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Dinge möglich zu machen. Und es dokumentiert den Gestaltungswillen der Unternehmung. Die Verbundenheit beschränkt sich jedoch nicht auf die organisationale Binnenperspektive, also die Mitglieder untereinander, sondern reicht strategisch über die Organisation hinaus. Der Verein beruht auf einem Wechselspiel aus individueller und kollektiver Befähigung und kann dafür auf ein weitläufiges Netzwerk aus Akteur*innen zurückgreifen. 

    Fähigkeiten des Kooperierens und das Bilden von strategischen Allianzen markieren den Springpunkt. Der Bau der Corona- Isolierstation ist nur ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was aus dem Zusammenkommen verschiedener Akteur*innen entstehen kann. Eine fragende Haltung, die Einbindung von Betroffenen, das Wissen um die eigenen Grenzen sowie die Lust am Gestalten haben den Unterschied gemacht: Da der noch junge Verein keine Erfahrungen mit Pandemien hatte – vor allem nicht an Orten, an denen es nicht ansatzweise möglich ist, die hiesigen Hygienemaßnahmen einzuhalten – musste das Nichtwissen rasch verarbeitet werden. Die Unternehmung trat in Kontakt mit Menschen, die näher an der Situation waren und sich folglich besser auskannten. Sie erfragte, wie die Verhältnisse in den Camps seien, wie ihre Partnerorganisationen mit der Situation umgehen und wie sie am besten unterstützen könne. Über diesen befähigungsorientierten Prozess der Verständigung, der das Wissen der Betroffenen ernst genommen hat, kam die Idee auf, eine Station zur Behandlung und Isolation von infizierten Personen zu bauen. Die Station sollte Abstand an einem überfüllten Ort ermöglichen, um eine Ausbreitung des Virus verhindern zu können. Obwohl keine falsche Hoffnung geweckt werden sollte und die finanziellen Möglichkeiten eine große Herausforderung darstellten, kam das Projekt auf den Weg, weil die Beharrlichkeit da war, nach Wegen zu suchen:

    »Und dann haben wir halt überlegt: Wie kann man es machen, wie können wir das Geld zusammenbekommen? Weil wir es auch irgendwie machen wollten, unbedingt. Und dann kam so eine Idee auf.«

    (Interview WPA)

    Durch Kreativität, aber auch das Netzwerk des Vereins war es ihnen schlussendlich möglich, die finanziellen Mittel für die Station zu generieren. Über Kontakte im Netzwerk wurde ein Antrag bei einer Stiftung gestellt, der bewilligt wurde. Dieser Erfolg, der auf Fähigkeiten der Antragsstellung beruhte, motivierte weiter, nun auch die übrige Summe zu akquirieren. Der Verein organisierte eine Spendenkampagne, die mit bemerkenswert großer Solidarität der Spendenden belohnt wurde. So bekam WPA die erforderlichen Finanzmittel zusammen, um die Ausstattung der Isolierstation zu finanzieren. Der Erfolg begann Wellen zu schlagen. Eine weitere Organisation übernahm Verantwortung und stellte einen Container für die Behandlungen zur Verfügung. Diese Zusammenarbeit als Verantwortungsgemeinschaft im Netzwerk von WPA ermöglichte es, die Partnerorganisation im Lager Vial auf Chios bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Seitdem tragen sie mit der Behandlungs- und Isolierstation zur Eindämmung der Pandemie bei.

    Der direkte und fragende Kontakt sowie die enge Kommunikation und Abstimmung mit den betroffenen Partner*innen wie auch nahestehenden Organisationen ist ein Schlüssel, um dynamisch reagieren zu können. Gegenseitige Unterstützung und Vernetzung, partnerschaftliche Befähigung und strategische Allianzen mit vielen verschiedenen individuellen und kollektiven Akteur*innen brauchen Fähigkeiten achtsamer Wahrnehmung: »Wir sind natürlich da in einem permanenten Austausch mit den Leuten und hören natürlich auch, wie die aktuelle Situation ist« (ebd.).

    »Da gab es so eine kleine Truppe, die unsere Kampagne irgendwie wahrgenommen hatten. [Die] haben gesagt: Finden wir total super, und wir würden gerne für eure Spendensammlung quasi in Herzogenaurach versuchen, was zu bewegen. Und dann haben die auch ein Stückchen von uns Support bekommen. Was zum Beispiel in den sozialen Medien die Bewerbung [angeht]. Weil du hast ja alles schon mal gemacht, die müssen ja nicht alles nochmal neu machen, also Bedarfslisten und so weiter. […] Es macht jeder seine Erfahrungen und da kann man auf jeden Fall lernen voneinander.«

    (ebd.)

    Was für die externe Kommunikation gilt, gilt auch für die interne, insbesondere für eine Organisation, die in Lokalgruppen organisiert ist. Das heißt: Erfahrungen in den Netzwerken zu teilen und voneinander zu lernen, um effektiver an der gemeinsamen Vision zu arbeiten.

    Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Studie Krise hoch 2?: Gestaltungs- und Beharrungskräfte humanitärer Geflüchtetenhilfe. Der Lesbarkeit halber wurde die Studie für die Veröffentlichung in diesem Online-Magazin in sieben Artikel unterteilt. Hier findest du alle Teile im Überblick:

    Teil 1: Die Geflüchtetenhilfe besonders betroffen
    Teil 2: Die Geflüchtetenhilfe in der Dauerkrise
    Teil 3: Ein Moment der Entrüstung
    Teil 4: Spendenkampagne mit Erfolg
    Teil 5: Gelingensbedinungen in der Geflüchtetenhilfe
    Teil 6: Das Erfordernis, die Spielregeln zu ändern
    Teil 7: Die Kraft, gemeinsam zu gestalten
    Teil 8: Das transformative Potenzial von Wir packen’s an