23. Mai 2022

    Boden retten

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    Boden retten – Ein Interview mit Tobias Keye

    Tobias Keye, geboren in Bochum, hat Schauspiel und Außenhandelskaufmann studiert und absolvierte den Master Ökonomie mit Schwerpunkt Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung. Nach der Gründung des Projekt N und diversen Start-Ups gründete er 2015 im Auftrag der GLS Bank die BioBoden Genossenschaft.

    Das Interview findet digital statt, Tobias ist zugeschaltet von der Höfe Gemeinschaft Pommern, deren Geschäftsführer er heute ist, am Gründungsort der BioBoden, in Rothenklempenow.
    Tobias, wir haben in Deutschland ein Bodenproblem, was ist das?

    Es ist so einfach wie tragisch: Wenn man sich die Fläche anschaut, die in Deutschland ökologisch bewirtschaftet wird, sieht man, dass sie stagniert. Etwa die Hälfte der Biowaren kommt in Deutschland aus dem Ausland. Auf Seiten der Landwirte gibt es dafür verschiedene Ursachen: Manche Höfe finden keine Nachfolge. Andere können es sich nicht leisten, ihre gepachteten Flächen zu vergrößern, oder bei Verkauf durch die Eigentümer selbst zu kaufen. Wieder andere wollen einen Hof aufbauen, es fehlt aber das Geld, die Flächen dafür zu erwerben. Und diese Finanzierungsfragen sind mit sehr langen Planungshorizonten verbunden. Allein ein Zentimeter Humusaufbau dauert zum Beispiel etwa zehn Jahre. Hinzu kommt, dass wir durch Marktlogiken und die EU-Subventionspolitik der Flächenprämien eine totale Abhängigkeit der Höfe von der Subventionierung haben.

    Was setzt ihr dem entgegen?

    Unser Grundgedanke ist einfach: Boden soll keine Ware sein, sondern Gemeingut. Er muss für alle zugänglich sein, wie die Luft und alles andere. Das ist eine andere Denkweise als üblich. Deshalb kaufen wir als Genossenschaft Land aus »dem Markt« und stellen es für ewig dem Ökolandbau zu Verfügung, indem wir es mit der Auflage verpachten darauf ökologische Landwirtschaft zu betreiben. Das ist natürlich nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein in diesem riesigen Agrarmarkt, aber eben Landsicherung für den Ökolandbau.

    Ihr seid eine Genossenschaft, um Mitglied zu werden muss man einen Anteil für 1000€ zeichnen. Das ist ja relativ viel Geld, wer sind eure Mitglieder?

    Rechnerisch ist es so, dass 2000 Quadratmeter, global gesehen, im Schnitt einen Menschen ernähren. Damit wir diese 2000 Quadratmeter aus dem Markt kaufen können, brauchen wir 3000€. Für drei Anteile a 1000€ kannst du also dafür sorgen, dass »deine« 2000qm ökologisch bewirtschaftet werden. Die Rendite davon ist dann Öko-Fläche, ein ganz klassisch sinngetriebenes Vorhaben also.

    Unsere Mitglieder, etwa 5500, sind Menschen, die genau so etwas suchen: Ziemlich viele aus der 68er – Generation, die darin eine Möglichkeit sehen, ihrem Weg weiter zu folgen und der jungen Generation eine bessere Welt zu hinterlassen. Interessanterweise auch ziemlich viele Babys, etwa 400. Warum? Weil die Großeltern sagen, mein Enkelkind soll auch mal 2000 Quadratmeter haben, damit es sich ökologisch ernähren kann.

    Mit dem Geld kauft ihr dann Land auf und verpachtet es einfach an Landwirt:innen?

    Ja, wir sind eigentlich ein klassischer Verpächter. Aber natürlich mit einer besonderen Rolle, weil wir als Genossenschaft mit dem Hauptthema Land mittlerweile sehr viel Erfahrung und Expertise haben. Auch bei den rechtlichen Fragen, wo meist der einzelne Landwirt nicht so gut aufgestellt ist wie wir. Da braucht es einfach viel Knowhow und auch Anwälte, um das wirklich gut über die Bühne zu bringen. Die meisten der Pächter sind einfach froh, wenn sie ihre Arbeit machen können und verpflichten sich natürlich auch, so wie wir das in unserer Satzung haben, einem Öko-Landbau nach Verbandsrichtlinien. Es geht prinzipiell darum, dass sie weitermachen können und mit uns jemanden haben, wo sie auch mal anrufen können und auch Unterstützung bekommen, wenn es um irgendwelche Themen geht. Und wir auch viel länger als üblich, nämlich 30 Jahre lang verpachten.Vordergründig ist es eben erst einmal die Grundlage sämtlichen Handelns, das es überhaupt einen Boden gibt. Es geht darum, was jetzt da ist und was zu tun ist.

    Es gibt immer so ein so ein romantisiertes Bild von Landwirtschaft, a la Bullerbü. Für viele Landwirte, die stadtnah sind, gibt es da auch andere Möglichkeiten, das umzusetzen, solidarische Landwirtschaft etwa. Aber die, die abgeschieden sind, haben nicht diese Möglichkeiten. Hier vor Ort haben wir zum Beispiel normale ostdeutsche LPG Betriebe, die wir übernommen haben. Das sind reine Produktionsbetriebe. Und natürlich sehen wir jetzt auch nach 5 Jahren, dass sich jetzt langsam mehr Vielfalt zeigt, da auch mal ein paar Blumen auf dem Hof sind und ein bisschen mehr Tiere, insgesamt mehr Leben und auch mehr Menschen da sind. Aber ich glaube, dieses Bild von Landwirtschaft, das die Menschen vor allem in der Stadt im Kopf haben, passt nicht zu dem, wie sie sich ernähren. Das was es eigentlich braucht, aber niemand sehen will, davon wurde viel ins Ausland verlagert.

    Denn de facto ist es einfach so, dass es sich mit den heutigen ökonomischen Möglichkeiten für einen Betrieb erst rechnet, wenn man sehr viele Tiere und große Ställe hat. Das ist natürlich auch eine Ernüchterung, wenn man merkt, das was man gerne hätte, eigentlich in den heute ökonomischen Möglichkeiten nicht abbildbar ist. Weil wir im herkömmlichen System komplett falsch, also nicht ganzheitlich rechnen. Das müssen wir einfach insgesamt ein bisschen stärker auf den Teppich bringen.

    Wie macht ihr das?

    Hier vor Ort macht die BioBoden selbst die Landwirtschaft, im Gegensatz zu den 70 anderen Partnerhöfen, wo wir meistens Verpächterin sind. Und hier haben wir uns satzungsgemäß vielfältige ökologische Landwirtschaft vorgenommen, die sozial eingebunden ist und uns regional verankert. Und mit diesen zwei Zusätzen sind wir schon mal ganz anders als ein Biozertifizierter Betrieb. Mit diesem Anspruch mussten wir dann auch von Anfang an neu denken. Wir produzieren Produkte für die Region und auch wieder für die Menschen. Also nicht für den Markt, Futter oder dergleichen, sondern eben wirklich für die Menschen. Dafür müssen wir gemeinsam mit unterschiedlichen Akteuren neue Wege gehen, bekommen aber auch eine andere Perspektive, mit der wir fundamentale Fragen neu beantworten können:

    Wie können wir denn die ganzheitliche Betrachtung der Ökosysteme leben? Wie müssen wir dafür neues Unternehmertum betreiben? Und wie können eigentlich die Berufe in der Landnutzung – das ist ja nicht nur der Landwirt, sondern auch z.B. der Wasserträger, der Moorwirt, der Klimawirt, also alle, die die Landschaft in irgendeiner Form beackern – zu Berufen machen, die Lebenswert sind? Das gilt auch für die Fachleute in der Weiterverarbeitung der Produkte. Denn wenn wir regional keine Fachleute haben, haben wir trotz regionaler Landwirtschaft keine regionalen Produkte. Also zusammengefasst eine große Frage: Wie organisieren wir eine neue Ökonomie?

    Und diese fragende Haltung, brauchen wir eigentlich überall auf dem Land. Aber wir können nicht von der Landwirtschaft verlangen, dass sie sich selbst neu erfindet. Es braucht Überschusskräfte und die müssen auch bezahlt werden. Wir haben hier im letzten Jahr ein Stipendienprogramm möglich gemacht, wo wir drei Menschen ermöglicht haben, ganz konkret an drei Themen zu forschen, die den Hof weiterbringen können: Saatgut, ökologisches Bauen und Bildung. Das wird aber von Fördermitteln finanziert, die nicht aus der Landwirtschaft kommen.

    Wie können noch mehr Menschen an diesen Fragen arbeiten?

    Dafür ist es wirklich wichtig, mal ins Feld zu gehen und zu erleben. Wir bieten auch an, dass man mal eine Woche mit anpackt, oder das Modul im Bachelor an der Cusanus Hochschule, wo ihr ja auch für eine Woche hier vor Ort seid. Und dann haben wir noch den Weltacker. Dort sieht man die 2000qm, also die Fläche, die allen zur Verfügung stünde, wenn wir die Erde gerecht aufteilen würden. Der Weltacker ist der Versuch, das wirklich erlebbar zu machen. Du kannst die Fläche ablaufen und siehst an verschiedenen Bildungsstationen die Haupt-, Dreh- und Angelpunkte, an denen wir ja auch wirklich etwas schrauben können. Und das ist auch die positive Nachricht des Weltackers: Wir können uns damit ernähren. Es ist nur eine Frage von »wie«:

    Wie gehen wir mit unserem Fleischkonsum um? Wie gehen wir weiter mit unserer Dieselproduktion um? Müssen wir das vom Acker machen, von dem wir uns eigentlich ernähren wollen? Und wie gehen wir mit der Verschwendung um, wenn wir – dass kann man auf dem Weltacker auch sehr gut sehen – ein Drittel direkt in die Tonne schmeißen. Wenn wir das in Griff kriegen würden, hätten wir schon mal ein Drittel mehr Lebensmittel auf der Welt. Und dann gibt’s auch das Flächenbuffet zum Beispiel, wo man Gerichte ausrechnen kann. Man kann sich fragen: »Okay, wenn ich jetzt ein Schnitzel mit Pommes und Zitrone und was auch immer esse, wie viel Boden verbrauche ich denn dann von meinen 2000qm? Zweieinhalb Quadratmeter sind das. Damit kann ich mir dann ausrechnen, wie viele Schnitzel ich essen kann, ohne jemandem etwas wegzunehmen. Man lernt zum Beispiel, wenn ich zwei Schweine im Jahr essen will, dann brauche ich den ganzen Acker, um diese zwei Schweine zu füttern. Habe aber nur zwei Schweine gegessen. Solche spielerische und ganz praktisch erfahrbare Bildungsstationen gibt es da.

    Und so können dann auf Führungen die Menschen wirklich in das Tasten und ins Sehen und Begreifen kommen. Womit wir, glaube ich, viel mehr verstehen, als wenn wir uns abstrakte Gedanken in der Ratiomachen.

    Könnt ihr denn auch dem Anspruch der sozialen Eingebundenheit gerecht werden? Ich stelle mir das schwierig vor, als Außenseiter aus dem Westen in der Provinz der ehemaligen DDR.

    Natürlich gab es erstmal Vorurteile, nach dem Motto, »da kommen irgendwelche Wessis und sagen, dass sie alles neu machen wollen und nachher verschwinden sie einfach wieder«. Und es gibt auch immer noch Vorurteile. Aber die Menschen haben gemerkt »die bleiben ja, die sind immer noch da«. Und die Jugend hat gesehen, dass die Landschaft ganz anders aussieht, weil auf einmal diversere Pflanzen auf den Äckern wachsen.

    Als wir herkamen gab es auch keine Infrastruktur – jetzt gibt es wieder einen Laden und Jobs im Dorf. Die Leute müssen nicht weg Pendeln tagsüber, das macht ganz viel. Es ist uns auch relativ schnell gelungen, wenn ich das mit dem vergleiche was ich von anderen Initiativen höre, die Menschen mitzunehmen und einladen mitzumachen. Das heißt vor allen Dingen durch unseren schönen Weltacker als so ein Mittel, wo man einfach mitarbeiten kann.

    Ich habe Frauen hier im Dorf zum Beispiel gefragt, was sie hier angebaut haben. Dann kamen die ins Erzählen. Und diese Wertschätzung auch für das Gegenüber ein Ohr zu haben und wirklich auch was von ihnen wissen zu wollen, hat bewirkt, dass sie jetzt Tabak-Workshops geben und regelmäßig vorbeikommen und einfach mitmachen, da sind, wenn Hilfe gebraucht wird und auch sich gebraucht fühlen. Alte Menschen auf dem Ort sind auch eine riesen vergessene Ressource, wenn man das Wort dafür verwenden will.

    Auch Ihre Erfahrungen, die sie weitergeben können, aus der DDR-Zeit sind sehr lehrreich. Vieles vom Landleben in der Planwirtschaft ist den Menschen auch in guter Erinnerung. Das gemeinsame Arbeiten und Leben im ländlichen Raum wird immer wieder auch als eine großartige Geschichte weitererzählt. Und jetzt haben wir hier uns, viele eher junge Leute, die von außerhalb kommen und ganz viel neues reinbringen. Da müssen wir auf ein gesundes Zusammenspiel achten. Es liegt nämlich eine Qualität darin, dass die Menschen hier einfach gerne Dinge erhalten und pflegen, so wie sie sind. Das hat auch einen qualitativen Beitrag zu dem Gesamtgelingen. Das ist mein Blick, den ich hier vor Ort vor allen Dingen immer versuche zu berücksichtigen.

    Ich muss aber dazu sagen, dass das eher untypisch ist, für einen klassischen Betrieb, dass man sich so sehr in der Region engagiert. Da hat uns aber auch geholfen, dass ich Fördermittel aus dem Kulturellen Bereich beantragt habe. Die haben viel mehr das Zivilgesellschaftliche im Blick als die Betriebswirtschaftliche Ausrichtung des Hofes. Da sieht man auch wieder, dass wir das wir von der Landwirtschaft allein so nicht erwarten können. Weil es dort nicht die Überschusskräfte gibt.

    Schafft euer Engagement auch mehr Ökologisches Bewusstsein bei den involvierten Menschen vor Ort?

    Ja, das Bewusstsein für die eigene Balance, sei es die eigene Ernährung oder der Hof, oder die Gemeinde, dafür können wir schon den Blick schärfen. Wir haben neulich zum Beispiel einen Landschaftsspaziergang gemacht und haben uns das Trinkwasserwerk angeschaut. Mit den Leuten vom Trinkwasserverband, einem Landwirt, Menschen vom Naturpark und dem Bürgermeister. Das Trinkwasserwerk versorgt etwa 8000 Menschen und merken gerade, dass in 50 Metern Tiefe die Rückständer der DDR im Wasser ankommen. Die Reinigungsanlage muss jetzt mit neuen, teuren Filtern ausgestattet werden. Richtige Investitionen, die notwendig sind, um das Zeug da wieder rauszuholen. Das heißt, da werden externe Kosten deutlich und spürbar. 

    So hat der Landwirt ganz praktisch gesehen und ist jetzt auch noch motivierter, warum er gerade daran arbeitet, weniger Rückstände in den Boden zu tragen. Ein junger, konventioneller Landwirt, der Bio orientiert ist. Das war für ihn eine sehr wertvolle Erfahrung das ganze so zu Ökosystem sehen. Dort gibt es auch einen renaturierten Fluss und wir konnten sehen, wie wichtig es war, dass der renaturiert wurde. Weil so Ökosysteme entstehen, die eine eigene Reinigungsleistung haben.

    So sieht man ganz praktisch, dass es tiefenökologisch gerechnet de facto einfach so ist, dass die regionalen und ökologischen Produkte die günstigste Variante sind. Es hilft aber nicht die Konventionellen an den Pranger zu stellen und nur die Bios zu loben – sondern wir müssen allgemein über die Art und Weise reden, wie wir den Boden Beackern. Und dafür muss man auch ins Feld zu gehen und dieses Bewusstsein fürs ganzheitliche Denken schärfen.

    Ihr seid sehr erfolgreich – wie groß wollt ihr werden?

    Es gibt noch sehr viel zu tun. Zum Beispiel sehe ich ein sehr großes Potential darin, die Landbesitzer, also Verpächter, anzusprechen. Das hätte einen riesigen Impact, wenn man zum Beispiel jungen Menschen, die geerbt haben, deutlich macht wie viel Verantwortung sie da eigentlich in der Hand haben. 

    Es gelingt uns auch teilweise schon, dass wir Verpächter, die verkaufen wollen, ohne den Hof auf ihrem Land zu kennen und die Landwirte, die sich das nicht leisten können, zusammenbringen. So sehen die Besitzer, was die Bauern da eigentlich leisten für unsere Gesellschaft und verpachten dann weiterhin das Land an den Bauern.

    Der Weltacker braucht meiner Meinung nach auch mehr Aufmerksamkeit. Eine Weltackerchallenge wäre ein richtig starkes Projekt: Mit einer App messen, wer es schafft, sich von 2000 Quadratmetern zu ernähren in einem Jahr. Wenn das jemand ins Leben ruft, würde ich viele Hebel in Bewegung setzen und einen richtig fetten Preis für die Challenge ausloben – das würden wir sicher hinkriegen.

    Zu unserer Größe: Die größte Genossenschaft in Deutschland hat, meine ich, etwa 300 000 Mitglieder. So groß können wir gerne werden. Mir wäre es ehrlich gesagt lieber, wenn es auch mal neue politische Bestrebungen gäbe, dass wir das gar nicht müssen. Also das es politische Strategien gibt, wie alle die den Boden irgendwie beackern, ein größeres Bewusstsein bekommen, das wir anders mit dem Boden umgehen müssen. Und wir auch eine andere Landwirtschaft fördern, die Humus aufbaut und richtig guten Boden erzeugt. Dann können wir uns abschaffen, fände ich super!

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