26. September 2022

    Abhängigkeit abschütteln

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    Es beginnt Mitte der 1980er-Jahre im beschaulichen Freiburg. Getrieben von der Überzeugung, dass eine nachhaltige Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung hochwertiges, pflanzliches Protein braucht, beginnt die Gelingensgeschichte von Taifun Tofu. Seit mehr als 30 Jahren tüftelt die Freiburger Unternehmung an hochwertigen Tofu-Produkten. Regional angebautes Bio-Soja wird gemeinwohlorientiert und CO2– neutral in der Mitte von Freiburg verarbeitet. Eine andere Land- und Ernährungswirtschaft ist möglich.

    Wie es begann

    Wie beinahe jede Geschichte, so beginnt auch diese nicht rosig und leicht. Die Idee, hochwertigen Tofu zu produzieren, und das Wissen, wie man das tut, bringt Klaus Klempff, einer der beiden Gründer von Taifun Tofu, aus den USA mit. Er startet mit dem Aufzug und der Zucht von Soja-Sprossen und der ersten Herstellung von Tofu in kleinen, angemieteten Kellerräumen. Zusammen mit Wolfgang Heck, dem zweiten Gründer, startet er wenige Zeit später die erste größere Tofuproduktion in neuen Produktionsflächen. Noch beziehen sie ihr Soja aus den USA. Anfangs hat die Tofu-Produktion, die zu der Zeit schon Bauernmärkte und Mittagstische in der Region Freiburg beliefert und ein fester Bestandteil des Naturkosthandels ist, also noch wenig mit dem regionalen Bio-Produkt zu tun, das es heute ist. Die transatlantischen Lieferketten sorgten damals noch für einen schlechten CO2– Fußabdruck, und auch der Anspruch, ein hochwertiges Bio-Produkt zu schaffen, wurde zunehmend unvereinbarer mit dem Einkauf von US-Amerikanischem Soja.

    Transformation in die andere Richtung

    Anfang der 90-er Jahre startete Taifun zusammen mit der Schweizer Fair Trade Organisation Gebana den Versuch, die Qualität der Agrarrohstoffe zu erhöhen. Gemeinsam ermöglichten sie im Süden von Brasilien den Anbau von Sojabohnen für hochwertige Nahrungsmittel. Schon zu dieser Zeit ist der Norden Brasiliens geprägt durch Umweltzerstörung, Abholzung und die Akkumulation von Agrarflächen. Im Süden des Landes hingegen gab es Versuche einer anderen Landwirtschaft. Gemeinsam mit Ökobäuer:innen wurde Bio-Soja in hoher Qualität umweltgerecht, mit neuen, nachhaltigeren Anbaumethoden und neuen Sorten gepflanzt. Für Taifun war es möglich, von dort hochwertiges Bio-Soja zu beziehen. 

    Doch mit Beginn der Jahrtausendwende kam es zu einem Umschwung. Die sogenannte »grüne Gentechnik« nahm Fahrt auf und schwappte aus Nordamerika auch in den Süden. Die Produktion von billigem Futtermittel gewann gegenüber dem Anbau von hochwertigen Nahrungsmitteln die Überhand. Mit großangelegten Werbekampagnen drängte das neu angebaute, gentechnisch veränderte und massiv mit Pestiziden behandelte Industrie-Soja langsam den Bio-Anbau zurück. Es wurde schwieriger, schließlich nahezu unmöglich für Taifun, die Rohmaterialien für ihren Tofu in hoher Bioqualität aus Brasilien oder Südamerika zu beziehen.

    Selber anbauen statt importieren

    Echtes Unternehmer:innentum zeichnet sich durch Beharrlichkeit aus und so begann auch Taifun zeitgleich mit dem Erstarken der Agrarindustrie Enden der 1990er-Jahre damit, den regionalen Anbau von Soja zusammen mit Biolandwirt:innen weiter auszubauen und die Bemühungen zu regionalen Sojabohnen zu vergrößern. Nach anfänglichen 40 Hektar für Bio-Soja in Deutschland wuchs die Fläche zusammen mit zertifizierten Biolandwirt:innen im Vertragsanbau, sodass heute auf mehr als 1.000 Hektar in Deutschland, Österreich und Frankreich Bio-Bohnen angebaut werden können. Die Bereitschaft, regional hochqualitatives Soja anzubauen, nimmt weiter zu und sorgt dafür, dass inzwischen circa 100 Vertragsbäuer:innen in enger Zusammenarbeit mit Taifun Tofu regional die Agrarrohstoffe für den regionalen Tofu anbauen. Sie versorgen die Tofu Produktion im Herzen Freiburgs mit gentechnikfreiem Bio-Soja aus der Region.

    Im »Taifun-Technikum«, ein Ort zur Tofuherstellung im Miniformat, testet Taifun nun auch eigens entwickelte Sojasorten auf ihre Eignung für die Tofuproduktion, alles mit dem Ziel, den Sojaanbau in Deutschland möglich zu machen und die Abhängigkeit von Sojalieferant:innen aus Übersee zu beenden.

    Geschafft!

    Mehr als drei Jahrzehnte später hat Taifun Tofu ihre Vision realisiert. Sie beziehen 100 Prozent ihrer ökologisch angebauten, gentechnikfreien Sojabohnen von inzwischen 170 zertifizierten Biolandwirt:innen und Kleinbetrieben, die sie persönlich kennen, betreuen und unterstützen aus ganz Deutschland und Europa. Der komplette Energiebedarf der neuen Taifun-Werke wird von regenerativen Energien gedeckt und seit 2016 erstellt Taifun regelmäßig eine Gemeinwohlbilanz. Im Jahr 2020 gewinnt die Unternehmung den deutschen Nachhaltigkeitspreis. Die Taifun-Tofu Gmb ist inzwischen ein zertifizierter Saatgutvermehrer für Bio-Soja und kooperiert eng mit der Universität Hohenheim. Die Abhängigkeit von nicht-nachhaltigem Soja aus den USA gehört der Vergangenheit an, da sie ihr Saatgut selbst herstellen, vermehren und züchten. Das ermöglicht, regionalen Anforderungen gerecht zu werden und den Schädlingsbefall gering zu halten. Unter anderem haben sie in einem Pilotprojekt mit Hilfe von 2.000 Hobbygärtner:innen zwei neue Sojasorten, Tofina und Tori, entwickelt und angemeldet, die in ganz Deutschland angebaut werden können. Taifun hat diese Sorten zwar entwickelt – und sie gehören ihnen auch – doch können sie frei verwendet und weiterentwickelt werden. So schaffen sie gutes für den gesamten Sojaanbau in Deutschland – und sind zugleich Vorbild für andere: eine nachhaltige Ernährung ist möglich.

    PS: Der Tofu ist wirklich gut. Wer die Chance hat, ihn zu probieren, sollte das auf jeden Fall tun.

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