Essays

    Mit Weitsicht Verantwortung übernehmen

    In der Corona-Pandemie brachen für viele Unternehmen die Einnahmen sowie die Möglichkeiten der Produktion und des Handels weg. Sie reagierten mit Kostenreduzierungen: Mitarbeitende wurden entlassen oder mussten in Kurzarbeit gehen, Unternehmen mussten schließen und ihre Aktivitäten einstellen oder Aufträge und Bestellungen stornieren. Purpose-Unternehmen fanden hingegen Wege, auch in der Krise handlungsfähig zu bleiben. Wie reagierten sie auf die Pandemie? Welche Praktiken konnten neu entwickelt werden oder stellten sich als besonders resilient heraus? 

    Neue Herausforderungen erfordern neue Routinen

    Das Corona-Virus hat seit Beginn der Pandemie im Dezember 2019 weite Teile des gesellschaftlichen Zusammenlebens zum Stillstand oder auf Distanz gebracht. Treffen von mehreren Personen durften nicht mehr stattfinden, ganz zu schweigen von Großveranstaltungen, Feiern, Konzerten und Konferenzen. Auch die Purpose-Unternehmen bekamen die Auswirkungen zu spüren, die das Virus veranlasste: »Das Verrückte war: Das gesellschaftlich- soziale Leben war geregelt – als Unternehmer war man relativ frei« (Interview Purpose-Unternehmen). Diese Freiheit vereinfachte den Umgang mit der Situation jedoch nicht, sondern stellte vielmehr eine Herausforderung dar: »Da immer wieder den Weg zu finden, da nicht zu viel auch Durcheinander zu machen, [...] das war unsere Aufgabe« (Interview Purpose-Unternehmen). So musste die Organisation trotz fehlender Vorgaben den Überblick behalten, denn das Corona-Virus wirkte sich auf alle Ebenen der Wertschöpfung aus: vorgelagert wie nachgelagert, intern wie extern. 

    Die Eigentumspionier*innen

    Unternehmen in Verantwortungseigentum – auch bekannt als Purpose-Unternehmen – bekamen während der Pandemie zunehmend Aufmerksamkeit. Sie fielen nicht nur durch ihre innovative Eigentumsform auf, sondern auch, weil sie sich selbst als besonders krisenresilient behaupteten (Tönnesmann 2020). 

    Verantwortung leben

    Verantwortung wird in der Corona-Krise großgeschrieben. Nahezu allgegenwärtig sind die Aufrufe, Verantwortung zu übernehmen: für sich selbst, die Gesundheit der Mitmenschen, die Bekämpfung der Pandemie. Doch das Virus führt uns vor Augen: Es ist unmöglich, »sich alleine zu retten« (Di Cesare 2020, S. 12). Die Eindämmung der Pandemie erfordert die Zusammenarbeit aller. Und so wird das »unsinnige Unternehmen« (ebd.) dieser Tage offensichtlich, welches uns als Konkurrenz und Wettbewerb in den wirtschaftlichen Sphären unserer Gesellschaft selbstverständlich geworden ist. Nicht gegeneinander, sondern miteinander bekommen wir das Corona-Virus in den Griff, welches die auf Effizienz und Beschleunigung gepolte Weltwirtschaft nicht nur in eine Krise der Gesundheit, sondern auch in eine Krise der etablierten Versorgungs- und Produktionsstrukturen gestürzt hat. Es zeigt, wie fragil und krisenanfällig die heutige Wettbewerbsorientierung ist (Göpel 2018). Das Erfordernis, Verantwortung für eine sozialökologische Wende in der Wirtschaft zu übernehmen, tritt immer deutlicher hervor, nicht zuletzt, da ökonomische Organisationen mit »schwindenden Ressourcen und abnehmender Regenerationsfähigkeit der Ökosysteme« (ebd., S. 2) konfrontiert sind.
    spot_img

    Beliebt

    The slow and the furious

    Oktopulli ist ein junges Start-Up aus Berlin, das Kindermode neu denkt. Das Slow-Fashion-Label entwickelt Kinderpullis, die mitwachsen und somit Ressourcen schonen. Doch nicht nur das Produkt ist innovativ, die zwei Gründerinnen wollen auch Unternehmer:innentum neu definieren. Liebe Carla, liebe Nancy, es freut mich, dass ihr heute dabei seid. Ihr habt dieses Jahr das Slow-Fashion-Modelabel Oktopulli gegründet. Wie geht es Euch als frischgebackene Gründerinnen?

    Boden retten

    Tobias Keye, geboren in Bochum, hat Schauspiel und Außenhandelskaufmann studiert und absolvierte den Master Ökonomie mit Schwerpunkt Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung. Nach der Gründung des Projekt N und diversen Start-Ups gründete er 2015 im Auftrag der GLS Bank die BioBoden Genossenschaft.

    Musikunternehmungen im Ringen mit der Krise

    Beide beforschten Unternehmungen nehmen die Krise als eine existenzielle Bedrohung der eigenen Institution und anderer, für sie wichtiger Feldteilnehmer*innen wahr. Die Interviewpartner Phillip Püschel und Lasse Grunewald nehmen ihr Kollektiv als ein umfänglich von der COVID- 19-Pandemie betroffenen Kulturakteur wahr, der in seiner Haupttätigkeiten erheblich eingeschränkt wird. Sollten sie trotz der Auflagen weiter Veranstaltungen organisieren, könnten die Mitglieder des Kollektivs »die Verantwortung, dass da was passiert, nicht übernehmen« (Interview JazzLab). Konzerte zu geben und zu veranstalten, ist im Kontext der COVID-19-Pandemie aus ihrer Sicht nicht möglich. Da die Mitglieder des Kollektivs verschiedenen Formen der Beschäftigung nachgehen, sind sie von der Situation auch unterschiedlich stark betroffen. Das Spektrum der Betroffenheit variiert zwischen solo-selbstständigen Musiker*innen und Personen in hybriden Arbeitsverhältnissen, die über ein Einkommen aus anderen Quellen verfügen.

    Transformationssehnsucht

    In dieser Folge des Podcasts »lautdenken« attestieren Stephie und...

    Normalitätstheater

    »Normalitätstheater« – Mit dieser Neuschöpfung bezeichnen Stephie und Lars den Zustand, wenn Gesellschaften verlernen, sich selbst zu hinterfragen. In dieser Folge lautdenken geht es um jene bewussten und unbewussten Regeln und Normen, die unser gesellschaftliches Zusammenleben organisieren und darüber mitbestimmen, was als normal erscheint. Nur: Wo kommen diese Regeln eigentlich her? Und könnten sie nicht auch anders sein?