Essays

    Das transformative Potenzial von »Wir packen’s an«

    Die Geschichte des Gelingens von WPA beginnt mit dem Entstehen des Vereins. Aus nicht mehr als einer Idee wurde eine gemeinsame Kraft, die sich als kollektiver Wille zu einer Organisation verkettete. Gemeinsam mit Freund*innen und Verbündeten entstand eine Unternehmung mit über 100 Mitgliedern und noch weit mehr Unterstützer*innen. Gemeinsam konnten sie das Leid und die Not zahlreicher Menschen lindern. Diese Geschichte handelt von einem Verein, der innerhalb eines Jahres ein ganzes Lager mit Masken ausstattete, die medizinische Versorgung für Geflüchtete auf einer Insel erheblich verbesserte und noch so vieles mehr erreicht hat, was auf der Website des Vereins einsehbar ist (Wir packen’s an o. J.a). 

    Die Kraft, gemeinsam zu gestalten

    Aus dem Erfordernis, die Spielregeln zu ändern, und der Kunst, dynamisch zu reagieren, entsteht die Kraft, gemeinsam zu gestalten. Die Unternehmung begann als der Grundgedanke, Hilfsgüter in die Geflüchtetenlager vor allem in Griechenland zu schicken und den Menschen dort zu helfen. Diese Anfangsidee entwickelte sich rasch weiter, was insbesondere auf Fähigkeiten der Selbstreflexion und Möglichkeiten der Partizipation im Operativen wie im Strategischen zurückzuführen ist.

    Das Erfordernis, die Spielregeln zu ändern

    Die Kunst, dynamisch zu reagieren, macht die Unternehmung auch in widrigen und unbekannten Bedingungen gestaltungsfähig. In der Organisation der Sortier- und Packaktionen konnte so beispielsweise eine große Herausforderung im Kontext der COVID-19-Pandemie gelöst werden: Für diese Tätigkeiten sind viele Freiwillige erforderlich. Zugleich drohten Bedenken, sich anzustecken, und die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung deren Zusammenarbeit einzuschränken. Der Modus kreativer Aktivität von WPA dokumentiert sich in der Reaktion: sie erzeugten Aufmerksamkeit durch Ausschreibungen, ihre Aktionszeiträume und politische Veranstaltungen in den lokalen Medien, Hochschulen und Vereinen wie Omas gegen Rechts. So konnten sie einen großen Kreis an Helfer*innen akquirieren, während andere Vereine ihre Arbeit stark zurückfuhren oder sogar vollständig aussetzten. Mithilfe ihres Netzwerkes blieb die Unternehmung nicht nur aktiv, es gelang ihr auch, das Engagement für den Verein nicht mit privaten Treffen, sondern mit betrieblicher Arbeit gleichzusetzen. Dadurch galten, in der Sache gerechtfertigt, andere Corona-Regeln für sie, wodurch die Beschränkung auf zwei Haushalte aufgehoben war, die die humanitäre Hilfsorganisation vor deutlich größere Herausforderungen gestellt hätte.

    Gelingensbedinungen in der Geflüchtetenhilfe

    Bei all den Interaktionen mit so vielen verschiedenen Menschen ist eine Sozialkompetenz besonders wichtig: das Tolerieren des Anderen. Ob es um Personen, ihre Sichtweisen und Handlungen oder andere Aspekte ihrer Lebensführung geht – Toleranz bedeutet, sich nicht blind über fremde Einstellungen und die Konsequenzen für sich selbst zu beschweren. Toleranz bedeutet Verständnis für die individuellen Situationen, sie bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Das Verhältnis aus Toleranz und Grenzen ist Teil dieser Gelingensgeschichte. Denn ein solches Verständnis gegenüber anderen Ansichten ist sowohl innerhalb als auch außerhalb der Unternehmung eine wichtige Eigenschaft, um dialogfähig zu bleiben. Wer nicht hinter der Mission des Vereins steht, wird nicht verurteilt. Das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen, ist entscheidend: »Also ich kann das nachvollziehen, wenn man sich mit dieser Thematik nicht so beschäftigt, dass man dann auch ziemlich schnell Urteile fällt oder sich ein Bild macht« (Interview WPA).

    Spendenkampagne mit Erfolg

    Ein weiteres Spannungsfeld, das für diese Geschichte des Gelingens von Belang ist, ist das zwischen Individuen und Netzwerken. Zwar hatte und hat die Pandemie kaum Einfluss auf die Arbeits- und Geschäftsprozesse des Vereins, wohl aber auf zumindest einen Teil der Projekte. Die Isolierstation auf Chios zum Beispiel wäre ohne die Pandemie wahrscheinlich nicht gebaut worden. Dass die eigenen Projekte von WPA im Rahmen meiner Forschung so offen eingeordnet wurden, zeugt von dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Dinge möglich zu machen. Und es dokumentiert den Gestaltungswillen der Unternehmung. Die Verbundenheit beschränkt sich jedoch nicht auf die organisationale Binnenperspektive, also die Mitglieder untereinander, sondern reicht strategisch über die Organisation hinaus. Der Verein beruht auf einem Wechselspiel aus individueller und kollektiver Befähigung und kann dafür auf ein weitläufiges Netzwerk aus Akteur*innen zurückgreifen. 
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