Essays

    Full Stop.

    Die Corona-Pandemie intervenierte abrupt in die Praktiken, Prozesse und etablierten Strukturen, die sich seit der Gründung vor bald drei Jahrzehnten am Schloss Freudenberg eingespielt hatten. Bereits Ende Februar 2020 wurde die Krise am Freudenberg relevant. Die erste Ankündigung einer nahenden Pandemie veränderte die Besucher*innen, die »plötzlich ganz andere Fragen und Hemmungen und Bedenken und Interessen« (Interview Schenk) mitbrachten. Veränderungen im Umfeld einerseits wahrnehmen, andererseits ernstnehmen zu können, sind wichtige Fähigkeiten für das Gelingen gewesen. Die Einführung der empfohlenen Hygienemaßnahmen im Betrieb durch das Team war eine erste Reaktion auf die unsichere Situation. Es tauchten viele Fragen auf, auf die es noch keine Antworten gab: neues Wissen über die gesundheitlichen Risiken und Möglichkeiten von Schutz wurde erforderlich, Vorschriften änderten sich in kurzem Takt, Planung wurde zunehmend unmöglich. Der Beginn des ersten sogenannten Lockdowns bedeutete schließlich eine Zäsur. Die Institution musste komplett geschlossen werden.

    Das Schloss Freudenberg

    Eine besondere Geschichte des Gelingens erzählte mir Katharina Schenk über die Krise am Schloss Freudenberg, der Unternehmung, die sie erst wenige Monate vor Beginn der Corona-Pandemie als Geschäftsführerin von ihren Eltern und Gründer*innen übernommen hatte. Für sie war der große Stillstand während des ersten sogenannten Lockdowns eine Gelegenheit, im Familienbetrieb, der eine Mischung aus Bildungs-, Begegnungs- und Erfahrungsort ist, neue Arbeits- wie Geschäftsprozesse zu erproben sowie tradierte Strukturen zu reflektieren und diese erforderlichenfalls zu verändern.

    Das transformative Potenzial von »Wir packen’s an«

    Die Geschichte des Gelingens von WPA beginnt mit dem Entstehen des Vereins. Aus nicht mehr als einer Idee wurde eine gemeinsame Kraft, die sich als kollektiver Wille zu einer Organisation verkettete. Gemeinsam mit Freund*innen und Verbündeten entstand eine Unternehmung mit über 100 Mitgliedern und noch weit mehr Unterstützer*innen. Gemeinsam konnten sie das Leid und die Not zahlreicher Menschen lindern. Diese Geschichte handelt von einem Verein, der innerhalb eines Jahres ein ganzes Lager mit Masken ausstattete, die medizinische Versorgung für Geflüchtete auf einer Insel erheblich verbesserte und noch so vieles mehr erreicht hat, was auf der Website des Vereins einsehbar ist (Wir packen’s an o. J.a). 

    Die Kraft, gemeinsam zu gestalten

    Aus dem Erfordernis, die Spielregeln zu ändern, und der Kunst, dynamisch zu reagieren, entsteht die Kraft, gemeinsam zu gestalten. Die Unternehmung begann als der Grundgedanke, Hilfsgüter in die Geflüchtetenlager vor allem in Griechenland zu schicken und den Menschen dort zu helfen. Diese Anfangsidee entwickelte sich rasch weiter, was insbesondere auf Fähigkeiten der Selbstreflexion und Möglichkeiten der Partizipation im Operativen wie im Strategischen zurückzuführen ist.

    Das Erfordernis, die Spielregeln zu ändern

    Die Kunst, dynamisch zu reagieren, macht die Unternehmung auch in widrigen und unbekannten Bedingungen gestaltungsfähig. In der Organisation der Sortier- und Packaktionen konnte so beispielsweise eine große Herausforderung im Kontext der COVID-19-Pandemie gelöst werden: Für diese Tätigkeiten sind viele Freiwillige erforderlich. Zugleich drohten Bedenken, sich anzustecken, und die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung deren Zusammenarbeit einzuschränken. Der Modus kreativer Aktivität von WPA dokumentiert sich in der Reaktion: sie erzeugten Aufmerksamkeit durch Ausschreibungen, ihre Aktionszeiträume und politische Veranstaltungen in den lokalen Medien, Hochschulen und Vereinen wie Omas gegen Rechts. So konnten sie einen großen Kreis an Helfer*innen akquirieren, während andere Vereine ihre Arbeit stark zurückfuhren oder sogar vollständig aussetzten. Mithilfe ihres Netzwerkes blieb die Unternehmung nicht nur aktiv, es gelang ihr auch, das Engagement für den Verein nicht mit privaten Treffen, sondern mit betrieblicher Arbeit gleichzusetzen. Dadurch galten, in der Sache gerechtfertigt, andere Corona-Regeln für sie, wodurch die Beschränkung auf zwei Haushalte aufgehoben war, die die humanitäre Hilfsorganisation vor deutlich größere Herausforderungen gestellt hätte.
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