Essays

    Möglichkeitssinn und Zukunftsmusik

    In der Krise wurde dabei laut des Interivewpartners vorgeführt »was für eine Gesellschaft relevant ist und was nicht« (Interview JazzLab). Die niedrige Wertschätzung ist in diesem Kontext auch ein Hintergrund der Fragilität des Kultursektors. Die Auswirkungen dieser Krisenanfälligkeit bekommen die Kulturakteur*innen nun zu spüren. Gleichzeitig führt die Reflexion zu einem neuen Selbstbewusstsein, einem Verständnis darüber, dass es nicht egal ist, dass es die Institutionen gibt.

    Über die Rechtfertigung

    Mit dem Dürfen neuer sozialer Praktiken thematisiere ich, wie die Akteur*innen diese veränderte Praxis legitimieren und wie eine solche Legitimierung mit anderen Akteur*innen verhandelt und kommuniziert wird. Rechtfertigungs- und Kommunikationsmuster: Bei der Entwicklung neuer Praktiken gibt es oft ein initiierendes Moment, an dem sich eine Diskussion über die richtige Handlungsweise anschließt. Teilweise spielen dabei akteursspezifische Kommunikationsmuster eine wichtige Rolle, beispielsweise die Kommunikation im Plenum innerhalb eines Kollektivs. Durch die Kategorie Rechtfertigungsmuster erläutere ich ihre Legitimierung und Delegitimierung. Es fällt auf, dass die neuen Praktiken widerspruchsvoll sind und durch verschiedentliche Formen der Legitimation begründet werden. Diese Ambivalenz betrifft beispielsweise den Einsatz von Digitaltechnologien: Auf der einen Seite wird er mit der Möglichkeit der institutionellen Zweckerfüllung unter Pandemie-Bedingungen begründet. Auf der anderen Seite werden negative Folgen wie die Beeinflussung kultureller Inhalte und der Ausschluss von Mitgliedern der Institution delegitimierend angeführt. Im Fall des Kollektivs fand eine Debatte darüber statt, inwiefern digitale Formate dasjenige Gemeinschaftselement transportieren, für welches das Kollektiv stehe.

    Doing Verantwortung

    Inwiefern die Situation gestaltbar ist, ist für das Team der Musikmesse nicht direkt ersichtlich. Das Handeln der Teammitglieder ist ein Balanceakt zwischen der Orientierung an den eigenen ökonomischen sowie den Interessen der Kund*innen. Das Aufkommen der Pandemie und die Absage der Veranstaltung fielen zusammen. So war die Unternehmung zunächst damit beschäftigt, »das aufzufangen, was das da an Fragen oder Sorgen vielleicht auch ist« (Interview jazzahead!). Da eine Durchführung der Veranstaltung im Frühjahr 2020 nicht mehr möglich war und selbst besorgt um die finanzielle Lage, entschied sich das Team dazu, allen registrierten Teilnehmer*innen die Teilnahmegebühren in voller Höhe ohne Einbehalt von Stornogebühren zu erstatten. Während die eigene Veranstaltung aufgrund ihrer Größe und Internationalität abgesagt werden musste, suchte das Team um Katharina Busch nach Alternativen. Es fand eine darin, ihre Rolle als Plattform zu nutzen, um Künstler*innen und ihren Auftritten auch ohne Präsenz-Messe Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Selbstwirksamkeit der jazzahead! erhöhte sich weiter dadurch, dass neue digitale Formate etabliert werden konnten. Auf das bereits kurz nach Beginn der Pandemie entwickelte »längerfristige Digitalkonzept« (Interview jazzahead!) gehe ich später noch ausführlicher ein.

    Musikunternehmungen im Ringen mit der Krise

    Beide beforschten Unternehmungen nehmen die Krise als eine existenzielle Bedrohung der eigenen Institution und anderer, für sie wichtiger Feldteilnehmer*innen wahr. Die Interviewpartner Phillip Püschel und Lasse Grunewald nehmen ihr Kollektiv als ein umfänglich von der COVID- 19-Pandemie betroffenen Kulturakteur wahr, der in seiner Haupttätigkeiten erheblich eingeschränkt wird. Sollten sie trotz der Auflagen weiter Veranstaltungen organisieren, könnten die Mitglieder des Kollektivs »die Verantwortung, dass da was passiert, nicht übernehmen« (Interview JazzLab). Konzerte zu geben und zu veranstalten, ist im Kontext der COVID-19-Pandemie aus ihrer Sicht nicht möglich. Da die Mitglieder des Kollektivs verschiedenen Formen der Beschäftigung nachgehen, sind sie von der Situation auch unterschiedlich stark betroffen. Das Spektrum der Betroffenheit variiert zwischen solo-selbstständigen Musiker*innen und Personen in hybriden Arbeitsverhältnissen, die über ein Einkommen aus anderen Quellen verfügen.

    Das dünne Eis des Kultursektors

    Kaum eine Branche wird von den Auswirkungen der COVID-19- Pandemie so hart getroffen wie der Kultursektor (Statista 2021). Von April 2020 bis Mai 2021 gilt ein Veranstaltungsverbot, das einem Großteil der Kulturakteur*innen die Arbeitsgrundlage entzieht (Tagesschau 2020). Hinzu kommt, dass die Branche historisch gewachsen stets schon fragil strukturiert war (Höhne und Glesner 2018, S. 9) und daher unter erschwerten Bedingungen einen adäquaten Umgang mit der Krise finden muss (Zimmermann 2020, S. 9). Auf das »dünne Eis« (ebd.), auf dem Kulturakteur*innen stehen, wirkt die COVID-19-Pandemie wie der Frühlingsbeginn: Tag für Tag wächst die Gefahr, in das Eis einzubrechen. Es stellt sich daher die Frage, wie die sprichwörtliche Kuh vom Eis kommt, das heißt, wie die Kulturakteur*innen durch andere oder sich selbst befähigt werden können, ihrer kunst- und kulturschaffenden Tätigkeit zukunftsfähiger als bislang nachzugehen. 
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